Die geheimen Tagebücher des Journalisten F.
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Nachtgedanken

Journalist F. sinniert über Hunde und andere Hausmenschen

Aus aktuellem Anlass macht sich Journalist F. Gedanken über die menschliche Natur im allgemeinen und der von Hundebesitzern speziell. Der aktuelle Anlass war die ebenso aktuelle Vernissage mit Kunstwerken von Künstler Irgendlink in der Galerie B. Aber darüber soll später berichtet werden. Wie auch immer, als auf dem Höhepunkt der Feierlichkeiten fünf Hunde durch den ehemaligen Garten der Galerie tobten, so machte das doch nachdenklich.

Beispielsweise darüber, warum Menschen unbedingt denken, ihre Hunde wären Artgenossen. Das sind sie jedoch nicht. Sondern eigentlich recht berechenbare Wesen, denen allzu gerne menschliche Eigenschaften angedichtet werden. "Schau nur, wie schön die spielen!" hört man daher allenthalben von stolzen Hundemamis und –papis, wenn ihre gezähmten Raubtiere scheinbar harmlos Räuber und Gendarm spielen. Sprich, sich in hektischer Betriebsamkeit gegenseitig verfolgen und dabei die Bepflanzung diverser, mit viel Liebe, Mühe und Geld angelegter Blumenrabatte in ein wüstes Durcheinander versetzen.

Hundeleben
Oh wie putzig. Vier Hunde empfangen laut bellend und ziemlich im Stress den bislang völlig unbekannten Artgenossen.

Dabei keimt bei Journalist F., der Hunde wirklich mag, auch wenn es sich jetzt vielleicht etwas anders anhört, allerdings ein ganz anderer Verdacht auf. Denn auf dem Rasen herrscht Krieg. Krieg zwischen Konkurrenten, die als Rudeltiere jeweils zu einem anderen Rudel gehören. Und zwischen den Gruppen gibt es eben nun mal Streit um Lebensraum und Nahrungsreserven. Allerdings wäre das nicht notwendig, denn die braven Hundileins werden schließlich mit dem besten Futter versorgt, das man sich vorstellen kann. Niemand der Wolfsnachfahren braucht heute mehr zu jagen und sein Fresserchen zu verteidigen. Auch Journalist F. hatte Schweineohren für alle dabei.

Hundeleben
Wie beiße ich dem blöden Kerl mit seinem affigen roten Halstuch nur unauffällig die Kehle durch? Ein Gedanke, der Hund O. wahrscheinlich in diesem Moment durch den Kopf ging, während der überprüfte, ob die vergrabenen Schweineohren noch an ihrem Platz liegen.

Das weiß Journalist F. und manche Leserin und mancher Leser des Journalistenblogs. Leider jedoch nicht die Hunde. Und daher gibt es Stress, wenn fremde Rudelmitglieder in vermeintlicher Eroberungsabsicht das Revier betreten. Hunde freuen sich also ganz und gar nicht über ihre fremden Artgenossen, sondern geraten im wahrsten Sinn des Wortes in tierischen Stress. Denn "Spielen" ist eigentlich ein Luxus für Jungtiere, die damit den Ernstfall üben. Das ist bei Hunden nicht anders als bei Menschen. Erwachsene Exemplare spielen daher nicht mehr, sondern machen Ernst.

Hundeleben
Ein Schweineohr wurde erbeutet und man versucht, es unauffällig in der Dunkelheit zu verspeisen. Doch die Konkurrenz schläft nicht und wird bald das wertvolle Knabbergebäck zurückerobern wollen.

Noch mehr Stress als die Hunde haben allerdings die Herrchen und Frauchen derselben. Denn die wissen instinktiv, dass es hier richtig zur Sache geht und die Stimmung jeden Moment in eine Katastrophe ausarten kann. Daher ignorieren sie auch völlig die Körpersprache ihre Kuschelmonster und ermahnen Hund O., der schwanzwedelnd ( d. h. übersetzt friedlich und gut gelaunt) den Neuankömmling mit dem überaus homophil wirkenden Halstuch begrüßt, endlich "brav" zu sein. Während man gleichzeitig die beiden anderen weiblichen Exemplare, die sich gerade gegenseitig die Kehle zerbeißen wollen, mit "Oh wie niedlich!" kommentiert. Da verstehe jemand noch den Menschen und seine Vorlieben. Journalist F. wird trotzdem auch zukünftig Schweineohren zu den Vernissagen der Galerie B. mitbringen. Wenngleich beim nächsten Mal sicherlich sieben bis acht Hunde Gebäude und Gelände in einen Trümmerhaufen verwandeln werden.
23.10.06 01:31




Journalist F. vertreibt die Vogelgrippe mit närrischem Treiben

Vor dem Küchenfenster von Journalist F. steht seit vielen Jahren ein Vogelhaus. Im Winter, wenn es kalt und ungemütlich wird, treffen sich dort große und kleine gefiederte Wesen, um das von Journalist F. gesponserte Körnerfutter genüsslich zu verzehren. Ein putziger Anblick. Bis vor wenigen Tagen jedenfalls.

Katastrophenalarm
Vögel beim Körnerpicken auf der Fensterbank von Journalist F.

Jetzt ist alles anders. Denn schließlich grassiert die Vogelgrippe. Man hat, so sagt man, auf einer Insel weit im Norden, mausetote Flugtiere gefunden. Und die sind nicht etwa an Futtermangel, sondern an einem bösartigen Virus verendet. Endlich haben die Deutschen, nach langen, vergleichsweise katastrophenarmen Wochen, wieder ein Thema, das die Nation aufwühlt. Horrorszenarien werden durch die Medien gejagt. Kein Vogel lebt mehr in wenigen Wochen. Es gibt keine Eier mehr, kein Putenbrustfilet. Die Menschen müssen verhungern. Nach Schweinepest und BSE nun auch noch das. Gemüse ist von Chemie verseucht, Wildfleisch immer noch von den Strahlen des russischen Atommeilers kontaminiert. Und jetzt auch noch die Vögel, letztes Nahrungsmittelreservoire des gesund lebenden Gutmenschen.

Katastrophenalarm
Die Artenvielfalt des Federviehs ist verblüffend

Eine Seuche, schlimmer als die Pest im Mittelalter wird das Volk der Teutonen heimsuchen. Zu Recht, jubilieren die Medien in den Ländern, in denen man den karikierten Allah verehrt. "Wir haben's immer schon gewusst!" sagen die nichtrauchenden Teetrinker und bereiten sich meditativ darauf vor, von allen Unbilden verschont zu bleiben. Doch was sind schon entvögelte Landstriche gegen die Gefahr, dass sogar die Fußballweltmeisterschaft ausfallen muss. Kein Huhn wird auf dem Platz stehen, keine Ente ein Tor schießen. Oder wie wäre dieser größtmögliche Supergau zu erklären, den man ernsthaft unter das vor Entsetzen gelähmte Volk publik zu machen versucht?

Katastrophenalarm
Es geht heiß her während der Faasenaachd.

Doch die Götter haben manchmal ein Einsehen mit der leidenden Menschheit. Denn es hätte noch viel schlimmer kommen können. Drei Wochen früher und die närrischen Tage hätten ausfallen können. Keine WM? Schlimm genug. Kein Karneval? Katastrophal. Denn besonders die sonst ganzjährig in größtmöglich spießigem Zustand sich befindenden Leute brauchen die Fastnacht als Ausgleich. Als Erlaubnis, endlich mal verrückte Dinge tun zu dürfen. Drallen Funkenmariechen die Pappnase unter den Rock stecken zu dürfen, beispielsweise. Oder auf einzig und allein für Frauen bestimmten Prunksitzungen einen Stripper auf die Bühne zu bitten, der sekundenlang ein Gemächt präsentiert, von dem man als Ehefrau-Normalbürgerin seit Jahren nur zu träumen wagt. Und damit das schlechte Gewissen nicht doch noch die Oberhand gewinnt, wird es gemeinhin mit flüssigen Rauschmitteln betäubt, in Dosen genossen, die weit über dem medizinisch gerade noch ratsamen Level liegen.

Katastrophenalarm
Wenngleich so mancher vom bunten Faschingstreiben schnell ermüdet

Wie auch immer, landauf, landab wird die Vogelgrippe auf Aschermittwoch verschoben und in jeder noch so kleinen Kammer kräftig geschunkelt. An Weiberfastnacht kramen die närrischen Herren ihre ältesten Krawatten aus, damit sie von als Putzfrauen verkleideten Putzfrauen abgeschnitten werden können. Man stürmt als Narr von Welt die Rathäuser und hofft, dass die Städte und Dörfer mal ein paar Tage vernünftig regiert werden. Sogar Wissenschaftler Frankendlink präsentiert sein neuestes Experiment: die festgewachsene Pappnase! Eine Sensation der Faschingsindustrie, ein Meilenstein in der permanenten Narretei. Helau!

Katastrophenalarm
Erstaunlich, das Selbstexperiment ist geglückt! Wissenschaftler Frankendlink mit neuer Nase. Sieht richtig gut aus! Was denken die geneigten Leserinnen und Leser des Journalistenblogs?
22.2.06 23:11


Journalist F. sammelt Sprüche

Mit Schlagzeilen erobert man Leser,
mit Information behält man sie.


sagte Alfred Harmsworth Northcliffe,
britischer Verleger.

Eine Devise, der sich Journalist F. gerne anschließen will. Beispielsweise im bald erscheinenden Bericht über einen Kleinkunstabend, der eher einer Unterrichtsstunde in Physik glich als einer vergnüglichen Veranstaltung.

Alles wird gut. Bleiben Sie mir gewogen, verehrte Leserinnen und Leser des Journalistenblogs!
14.1.06 14:45


Journalist F. macht Hausputz

Wie edel stellt man sich normalerweise das Leben eines Journalisten vor. Stets im Dienst der Wahrheit, immer spannende Events auf dem Terminkalender, ja sogar lebensgefährliche Recherchen, wie die vorangegangenen Einträge zeigen, gehören zur Verpflichtung, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Trotzdem, auch Journalist F. muss sich ab und an, wenn auch ungern, den Niederungen des Alltags widmen. Beispielsweise dem Hausputz.

Bunte Ansicht
Mit Vorwerk-Luxus und Teppichnasssauger zur porentiefen Reinigung der Bodenbeläge geht des dem Schmutz in der Journalistenwohnung an den Kragen.

Und so wird das Hara-Igelchen gezückt, die Teppichwaschmaschine angeworfen, der Staubsauger in Gang gesetzt, der Wischmopp genässt. Kurz, dem Dreck wird der gnadenlose Kampf angesagt. Da stellt sich natürlich die grundlegende Frage: woher kommt überhaupt der ganze Schmutz und Staub, der sich über alles legt, auf allem festfrisst und kichernd in jeder Ecke lauert? Journalist F. hat hierzu eine interessante Theorie entwickelt:

1. Es gibt auf der Welt eine ganz bestimmte, nicht veränderbare Menge Schmutz, die sich normalerweise gleichmäßig auf alle Haushalte verteilen müsste.

2. Es gibt zwei Sorten von Menschen:
Erstens diejenigen, bei denen es immer sauber und ordentlich ist. Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit man deren Wohnung betritt, strahlender Glanz und das Ambiente eine Möbelprospekts lachen dem tief beeindruckten Besucher entgegen.
Die zweite Gruppe ist ärmer dran. Sie kann den ganzen Tag putzen und schrubben, es wird immer unordentlich sein und der Dreck wird sich niemals ganz aus der Wohnung entfernen.

3. Der Grund hierfür ist eine elektromagnetische Ausstrahlung, die offensichtlich genetisch bedingt ist. Die erste Gruppe stößt den Dreck ab, der dann ängstlich die Flucht ergreift und bei der zweiten Gruppe Zuflucht sucht.

4. Fazit: wir Schmutzfinken haben eigentlich das ganze Übel den Sauberfrauen- und männern zu verdanken, die wir bisher immer bewundert haben.

Es gibt nur einen Trost. Ein netter, attraktiver, nicht mehr ganz so junger Mann assistiert gekonnt beim Hausputz! Und das seit den Tagen der Kindheit. Es muss eben feste Bezugspunkte im Leben geben.

Bunte Ansicht
Meister Propper macht so sauber, dass man sich drin spiegeln kann... Reklamefernsehen bereits im Kleinkindalter hat Journalist F. zum Opfer der Werbung gemacht.

22.7.05 13:49


Journalist F. besiegt die Tücken der Technik

Journalist F. erinnert sich noch ganz genau an seine erste Begegnung mit einem Personalcomputer. Es war Anfang der 80er-Jahre und Nachbar U. hatte gerade seine Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann begonnen. Damals ein ungeheuer neuer und innovativer Beruf, von dem niemand wusste, welche Zukunftsaussichten damit verbunden sein würden. Nachbar U. hatte also ein derart unerhörtes Gerät in seiner Wohnung stehen, dessen Nutzen eigentlich noch keinem Normalsterblichen so recht verständlich war. Man bedenke, der Höhepunkt an elektronischem Fortschritt bestand damals in einem Tastentelefon, das sage und schreibe zehn Nummern speichern konnte. Sensationell. Journalist F., damals noch Student F., besaß natürlich ein derartiges Hightech-Gerät.

Einige Jahre später, man schrieb das Jahr 1988, wurden alle Befürchtungen wahr und Journalist F., damals Auszubildender F. in einer so genannten Übungsfirma, wurde vor einen Computer gesetzt. Sensationellerweise beinhaltete die Ausbildung in einer Gruppe für schmählich gescheiterte Studenten einen Kurs in der Bedienung des PCs. Und siehe da, was keiner Gedacht hatte, der Schöngeist F., der sich jahrelang mit theologischen, germanistischen und pädagogischen Abhandlungen befasst hatte, fand endlich die Erklärung, warum er zuvor Supermarktkassen im Schlaf zu bedienen wusste. Computer machten nämlich Spaß. Wenngleich sie damals deutlich weniger bunt als heute und auf eine völlig andere Art kompliziert waren.

Bunte Ansicht
Ein so genannter Router, jetzt im Journalistenbesitz und gerade toll funktionierend.

17 Jahre später und nach eben so langer Beschäftigung mit den Computerinnovationen, stand Journalist F. nun vor einer neuen Herausforderung, der Installation eines so genannten Wireless Networks, das endlich das hässliche Kabel ablösen sollte, das seit einigen Jahren quer durch die Journalistenwohnung seinen Weg fand. Die Verbindung zum Internet sollte nämlich dank eines Dumpingangebots des Providers endlich drahtlos mithilfe von geheimnisvollen Funksignalen vonstatten gehen. Alles ganz einfach, dachte Journalist F. bis zu dem Moment, als er das Handbuch des Routers in Händen hielt und zu Lesen begann. Ziemlich unverständlich, selbst für jemanden, der sich nicht vor elektronischem Neuland fürchtet. Die Tücken und Fallstricke waren mannigfaltig, doch nach einigen Stunden war es tatsächlich geschafft, blaue Lampen blinkten, kleine Dioden leuchteten hektisch und die drahtlose Verbindung zum Interne war geschafft. So muss sich Mister Bell gefühlt haben, als der das erste Telefongespräch der Welt führte.

Jetzt sitzt Journalist F. zufrieden vor seinem funkelnagelneuen 19-Zoll-Flachbildschirm, hat den Eindruck, eine Kinoleinwand sei vor ihm aufgebaut, schont damit seine Augen und versucht, mit allen Sinnen den Funkverkehr zwischen PC und Router zu erkennen. Doch der bleibt unsichtbar. Ebenso wie die Signale, die Tastatur und Maus an den Rechner senden. Oder das tragbare Telefon, oder das Handy. Ein Wunder nur, dass sich all diese ebenso fleißigen wie geheimnisvollen Signale nicht irgendwo in der Mitte der Wohnung treffen und ein Komplott gegen ihren technikbegeisterten Herrn schmieden.
1.7.05 00:47


Journalist F. fährt Zug

Für alle Liebhaber langer Geschichten hier ein wahres Erlebnis zum Thema Eisenbahn. Journalist F. wünscht viel Spaß bei der Lektüre!


Es dampft gewaltig im Gebälk

Was tun, wenn der Kindheitstraum „Lokführer“ doch nicht Wirklichkeit wird? Der Computer bietet Alternativen und damit man nicht so alleine ist, gibt es Usergruppen. Die treffen sich sogar manchmal höchstpersönlich...

Eigentlich können das nur Männer verstehen. Und vielleicht ein paar Frauen, aber die sind längst Busfahrerinnen geworden. Die Rede ist von der Begeisterung für Eisenbahnen. Lokomotiven, Waggons, Geleise, Signale, all diese Träume können leicht Wahrheit werden. Wenn auch nicht in groß, dann doch als Modelleisenbahn. Und wer den Platz für ein solches Spielzeug scheut, dem hat die Firma Microsoft eine Alternative für den Heim-PC programmiert. Die Rede ist vom Microsoft Train Simulator. Dort kann man, ähnlich wie beim hinlänglich bekannten und beliebten Flugsimulator, in verblüffend echt aussehender Drei-D-Grafik Lokführer spielen. Ob Dampf, Diesel oder Elektro, Rangierlok oder Hochgeschwindigkeitszug, die Auswahl ist einfach riesig. Und: man kann auch Basteln, alles was das Eisenbahnerherz begehrt, nur für den Bildschirm eben. Die Meisterwerke solcher Zugbauer kann man entweder für gute Euros im Geschäft kaufen, manchmal aber auch kostenlos aus dem Internet laden.

Allerdings macht das Teil auch so seine Probleme. Sonst wäre es nicht von Microsoft. Und Probleme löst man bekanntlich gemeinsam. Logischerweise virtuell in so genannten Usergroups, wo sich die „Atzes“, „Michas“, „tsddsfggs“ und wie sie sich alle nennen mögen, regelmäßig treffen, um Bits und Bytes zum Thema Zugsimulation auszutauschen. Leider ist der Mensch noch nicht ganz an das virtuelle Zeitalter angepasst und so kommt ab und an der Wunsch auf, dass sich die virtuellen Diskussionspartner auch mal in Fleisch und Blut gegenüberstehen. So geschehen an einem Septemberwochenende im thüringischen Örtchen Meiningen.

Hier eine zutiefst subjektive Chronologie der Ereignisse.

Mai 2003
Tolle Idee. Ein neues Usertreffen des MSTS-Forums (MSTS = Microsoft Train Simulator). Bereits im vergangenen Jahr hat so etwas stattgefunden und eine ganz Reihe prominenter Programmierer von Zügen und Strecken war dabei. MadMike zum Beispiel wollte ich schon immer einmal persönlich kennen lernen. Das ganze ist Ende September in Meiningen geplant, rund 350 km von hier entfernt, also locker mit dem Auto zu erreichen (prust, gagger, kreisch...). Also in der DD.., nein: in den neuen Bundesländern. Dort war ich noch nie, obwohl die seit 14 Jahren eingemeindet wurden und somit gar nicht mehr so neu sind. Es gibt echte Loks zu sehen. Zudem: 86,50 Euro für zwei Übernachtungen inklusive Frühstück und großem Abendbüffet hören sich auch noch erschwinglich an. Also kurzerhand die Anmeldung ausgefüllt, bevor der Verstand wieder einsetzt...

Vier Monate später...
Erste Zweifel setzen ein. Je näher der Termin der Reise rückt, desto mehr glaube ich fest daran, die Anmeldung war eine Schnapsidee. Wie auch immer, es ist zu spät zum Stornieren. Also: Koffer gepackt und los geht’s an einem lauen Freitagnachmittag bei angenehmen 30 Grad im Schatten. Natürlich hat mein Auto keine Klimaanlage...

Freitag, 19. September, 15 Uhr
Mein Routenplaner ist der Ansicht, die Entfernung nach Meiningen beträgt rund 340 km und ist in vier Stunden zu schaffen. Eigentlich verdächtig lange für einen Routenplaner... Normalerweise errechnen diese Programme immer Fahrzeiten, die nur bei freier Autobahn und einem Durchschnittstempo von 180 km/h zu schaffen sind. Egal, ich rechne viereinhalbe Stunden. Dank diverser Staus und extremer Kommunikationsprobleme zwischen mir und meinem Routenplaner weitet sich die Reise auf 460 km und sechseinhalb Stunden aus...

Dito, 21 Uhr:
Meiningen ist romantisch und dunkel. Und ausgestorben. Leider hat mein Routenplaner entgegen meinen Wünschen den Stadtplan nur zu einem Drittel ausgedruckt. Und die Wegbeschreibung bleibt kryptisch: „km 342,5, halbrechts Richtung Nordost – km 344, links, Richtung Süd...“ Nicht bedacht sind dabei Einbahnstraßen und diverse Straßensperrungen zwecks der obligatorischen Lochbohrungen, die auch im Osten endlich Fuß gefasst haben.

Dito, 21.30 Uhr:
Mit einer Mischung aus Wegweisern, Schicksal, Verzweiflung und Intuition (kurz auch „Glück“ genannt“) das völlig unbeleuchtete, inmitten eines öden Einkaufszentrums versteckte Hotel gefunden. Aha, daher rührt also der Name „Hotel im Kayserpark“. Selbiger ist nämlich keine gepflegte Grünanlage, sondern ein Betonmonstrum mit diversen Läden, denen es nicht allzu gut zu gehen scheint.
Auch im Restaurant herrscht Schummerlicht. Muss man wie zu Honeckers Zeiten Strom sparen, obwohl der Klassenfeind längst zum Kassenfreund geworden ist? Oder herrscht in den östlichen Provinzen einfach ein anderer Begriff für Ästhetik? Wie auch immer, gleich in der Eingangstür von mehreren, kaum dem Jugendalter entwachsenen männlichen Wesen beinahe über den Haufen gerannt worden. Einige kommen mir bekannt vor, aus dem Internet. Ich ihnen leider nicht und daher werde ich mit Nichtbeachtung gestraft. Ein Problem, das sich im Innenraum fortsetzt. Und noch verstärkt wird, nachdem ich auf die Frage, was ich denn so programmiere, keine konkrete Antwort geben kann. Nach einigem Nachfragen schließlich das Leitungsteam ausfindig gemacht. Offizieller Chef: Webmaster S., Ende 20 und aus Berlin. Typus Quasselstrippe, aber scheinbar ganz nett. Der eigentliche Macher: Organisator T., sichtlich nervös, höchstens Mitte 20, recht sympathisch aber leider völlig mit der derzeit noch sehr geordneten Situation überfordert. MadMike ist auch da.

Ich muss, da Einzelzimmerbucher, in das andere Hotel namens „Wolke 7“ – der DDR-Charme dieses Namens lässt bange Erwartungen aufkommen. Jemand sei bereits dorthin unterwegs, die Schlüssel organisieren. Dieser Mensch taucht auch Sekunden später auf und wird sofort von mir erkannt. RZ, eigentlich aus Wiesbaden, aber jetzt in Ostthüringen verbeamtet. Nunja, Hessen hat schließlich selbst Probleme genug...

Bunte Ansicht
Eisenbahnfreunde bei der ersten Ortsbegehung

RZ programmiert fast täglich virtuelle Personenwagen. Recht beeindruckend, doch diese Tätigkeit lässt kaum Zeit für andere Aktivitäten. Weit gefehlt, wie sich später herausstellt. RZ ist ebenfalls eine schreckliche Quasselstrippe, kann überhaupt nicht zuhören und berichtet ständig wortreich von seinem öden Leben. Derzeit ist er bei der Polizeiakademie des Landes Thüringen bei der Hochwasserschadensabwicklung beschäftigt (wie auch immer das zusammenhängt...), muss jeden Tag fast 200 km fahren, um zur Dienststelle zu gelangen, daher morgens um vier Uhr aufstehen, um mit seinem Passat-Diesel (was sonst) rechtzeitig ins Büro zu kommen. Abends geht er früh zu Bett, seiner Chefin ist zu verdanken, dass die Abkommandierung bald ein Ende hat und er wieder seinen ursprünglichen Posten einnahmen kann. Das alles erfahre ich in einem Zeitraum von maximal fünf Minuten, beim Weg zum Auto und dann zum Zimmer in „Wolke 7“.

Dito, 22 Uhr:
Warum sehen Hotelzimmer eigentlich immer völlig anders aus als auf den Fotos im Internet? „Wolke 7“ bietet eher den Komfort einer durchschnittlichen Pension, ist aber sauber und frisch renoviert. Das Bett (Modell Schlafcouch von Neckermann) ist ein Folterinstrument. Dafür gibt es einen Fernsehern (Miniaturausgabe) und einen Radiowecker, den ich dank meinem Talent für Technik schon nach zehn Minuten in Gang setzen konnte. Egal, nach der Horrorfahrt ist Schlaf das einzig Wahre...

Nachts Schreie und Quieken... Die Zombie-Armee der FDJ ist wohl unterwegs und hat zuviel Vita-Cola getrunken... Davon später mehr. Von der Cola. Die Zombies sind tagsüber untergetaucht oder tarnen sich in glänzenden Jogging-Anzügen.

Samstag, 20. September, kurz vor acht Uhr morgens:
Das Treffen mit den anderen ist für halbneun terminiert. Also reicht acht Uhr zum Frühstücken, denke ich. Nicht so die vier anderen Teilnehmer des Treffens, die ebenfalls in der gar nicht so flauschigen Wolke untergebracht sind. Sie haben natürlich schon gefrühstückt und stehen aufgeregt vor der Tür. Fünf nach acht sind sie weg. Der Weg zum Kayserpark dauert drei Minuten...
Dort bin ich fünf vor halb neun, animiert durch die Ungeduld der Kollegen. Immerhin ein Brötchen mit Wurst und Käse und eine Tasse fragwürdigen Kaffe verzehrt.

Dito, halb neun:
Langsam, aber wirklich ganz langsam, treffen die restlichen Teilnehmer am Treffpunkt ein. Es sind rund 30 im Alter zwischen 18 und 60. Ein bunt gewürfelter Haufen, darunter auch drei gelangweilt blickende Frauen. Natürlich als Begleiterin ihrer Gatten, die man vorsichtshalber nie alleine lassen sollte und daher in den nächsten beiden Tagen strengstens bewacht werden. Einer zu Recht, bei den anderen völlige Verschwendung. Von mindestens der Hälfte der Anwesenden habe ich Züge und Strecken auf den Computer geladen. Beeindruckend. Schließlich sind alle da, nur einer fehlt: Webmaster S. Der hat sich in der Vornacht mittels diverser Ost-Biere ins Koma versetzt und ist nicht wach zu kriegen. Das scheint normal zu sein, wie man auf berufenem Munde hört. Organisator T. fühlt sich sichtlich alleine gelassen, ist stinkesauer und noch nervöser, dass sein ausgeklügeltes Tagesprogramm nicht klappen könnte. Wie recht er doch hat...

Wie auch immer, um neun Uhr haben wir Besichtungstermin im Dampflokbetriebswerk Meiningen. Man muss sich darunter so etwas wie eine überdimensionale Autowerkstatt mit TÜV-Service vorstellen, nur für Dampflokomotiven eben. Und für Schneepflüge. Ja, das gibt es wirklich, riesige Teile, welche in der Regel erfolglos versuchen, den Schnee von den Geleisen zu fegen. Dank einem flotten Marsch (der dümmere Teil der Gruppe) von drei Kilometern schaffen wir es gerade noch rechtzeitig. Überraschenderweise finden sich andere Zugfans bereits mit Auto dort (der schlauere Teil der Gruppe). Bewegung am frühen Morgen tut gut. Womit mein Intelligenzgrad unwiderruflich geoutet wäre...
Leider macht der Laden erst um zehn Uhr auf. Steht groß dran. War auch ursprünglich so geplant. Aber da man noch so viel vor hat an diesem Tag, verlegte das Orgateam die Führung einfach um eine Stunde.

Bunte Ansicht
Man irrt völlig planlos durch die Gegend

Dito, halb zehn:
Eine Gruppe völlig irritierter Zugfans, die mangels sonstiger sinnvoller Beschäftigung verzweifelt rudimentäre Fahrgestelle alter Dampflokomotiven fotografiert, erweicht sogar das Herz des härtesten Bahners der ehemaligen DDR-Reichsbahn. Daher dürfen wir schon eine halbe Stunde früher ins Gelände. Dort werden die ersten Würste gebraten. Und Getränke aufgestellt. Es gibt übrigens im Osten kein Cola Light! Nur Vita-Cola, nach Originalrezeptur aus DDR-Zeiten! So schmeckt es denn auch, einfach ungenießbar. Aber einen Vorteil hat das Zeug: man kann sofort Ossi vom Wessi unterscheiden. Die einen trinken Vita-, die anderen Coca-Cola. Wenn auch kein „light“, aber das erwähnte ich bereits...

Viel Schrott, rätselhafte Lokomotivteile, manche Loks noch ganz zu erkennen, rund 90 Minuten geht die Kurzführung durch das Meininger Werk. Meister Lutz, der die Führung macht, ist ein ganz Lieber, arbeitet schon seit 27 Jahren in Meiningen und kann von glorreichen Zeiten erzählen. Die haben nur indirekt mit Honecker und Genossen zu tun, aber damit, dass zur Wende 1.500 Leute im Werk beschäftigt waren. Heute sind es nur noch 124, Tendenz eher rückläufig. Trotzdem hängt an der Wand der Kesselwerkstatt noch ein echtes Bild des Staatsratsvorsitzenden und Genossen aus dem Saarland, direkt neben einigen leicht bekleideten Damen für Herren mit zweifelhaftem Geschmack...

Bunte Ansicht
Wie schön war es doch damals! Liebevolle Erinnerungen prägen das Bild in den neuen Bundesländern

Dito, zwölf Uhr dreißig:
Man hat das Werk verlassen. Das sich bereits andeutende Chaos nimmt erfreulicherweise echte Formen an. Eigentlich sollte es jetzt stilgerecht per Bahn nach Arnstadt ins Lokmuseum gehen. Aber die Züge fahren wegen Baustellen nur unregelmäßig und Organisator T. kriegt die Planung einfach geistig nicht mehr auf die Reihe. Hatte auch gar keine Zeit dazu, denn er versuchte ständig, Webmaster S. per Handy aus dem Bett zu klingeln. Vergeblich bei drei Promille Restalkohol. Also beschließt man umständlich, per Automobil ins 70 km entfernte Provinzstädtchen zu gelangen. Irgendwie wird nach langer Diskussion organisiert, dass alle Autos zum Transport vor Ort gebracht werden. Mein geliebter Toyota wird zum Glück nicht benötigt und ich werde mitgenommen. Leider im gemieteten Kleinbus der Berliner Sektion.

Bunte Ansicht
Kaputte Loks en Masse – das lässt das Herz höher schlagen.

Webmaster S. ist mittlerweile gewaltsam geweckt und mit Kleidung versehen worden. Er muss sich nur noch die Zähne putzen, wie per Handy zu erfahren ist. „Warum? Was geht uns dem sein Gebiss an?“ kommentiert Streckenbauer W. bissig, dessen Berliner Charme in jeder Zelle seines Körpers steckt. W., offiziell ein Freund und Stadtgenosse des Orgateams, erkennt die Hilflosigkeit von Organisator T. und sieht seine Stunde des Chaos gekommen. Auch hier gilt die Regel: wer das größte Mundwerk hat, der regiert. Also wird nicht mehr auf Webmaster S., Adlatus T. und den Ehemann einer verzweifelten Dame gewartet, die vom Hotel aus unterwegs sind, sondern gleich losgebraust. Jeder Wagen für sich. Dumm nur, dass die Erstgenannten auch gleichzeitig diejenigen sind, die den Weg kennen. Die Reise wird quasi ein sportlicher Wettbewerb, wer das Ziel zuerst finden wird. Zurück bleibt die Gattin, hoffend, dass man sie noch abholen wird.

Warum der Wagen mit Webmaster und Co. eigentlich den Weg zum Meiniger Lokwerk machen musste, wird wohl nie geklärt werden. Denn unsere Route nach Arnstadt führt direkt am Hotel im Kayserpark vorbei...

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Berühmte Dampfloks unter sich

Wem muss ich erzählen, wie sich die Fahrt für einen gutmütigen, einigermaßen wohlerzogenen Saarländer gestaltet, der mit sechs Berliner Charmeuren in einem Kleinbus eingesperrt ist? Und dazu noch in der Hektik seinen Fotoapparat im eigenen Auto vergessen hat?

Dito, zwölf Uhr fünfundvierzig:
Die Fahrt führt durch eine malerische Landschaft mit Kiefer-Monokulturen, für die „Waldsterben“ kein Fremdwort ist. Bei dem Anblick fragt man sich, wer sich für die gerade schwappenden Ostalgie-Welle wirklich begeistert. Die Trasse hingegen ist interessant, denn es handelt sich um eine erst seit rund zwei Wochen fertig gestellte Autobahn. Wie könnte man ein ganzes Volk besser über 40 Jahr real existierenden Sozialismus hinwegtrösten, als mit einer Autobahn, für die das Teuerste gerade gut genug ist? Unzählige Viadukte überqueren hier Thüringens Täler abwechselnd mit monströsen Tunnelbauwerken. Der längste ist sage und schreibe acht Kilometer lang.

Zufall oder Absicht, dass die Streckenführung an die Ästhetik der „Straßen des Führers“ angelehnt ist. Bombastisch und beeindruckend wie eine Wagner-Oper. Die Götterdämmerung des Straßenbaus sozusagen.

Auf alle Fragen, vom Waldsterben bis hin zum Borkenkäfer, von der Brückenkonstruktion bis zur Farbe des Himmels, Streckenbauer W. weiß darauf eine Antwort. Und tut sein Wissen ebenso ununterbrochen wie ungefragt kund. Webmaster S. ist auch aus Berlin. Ich beginne zu begreifen, was man mit „Berliner Schnauze“ meint...

Nach knapp einer Dreiviertelstunde ist Arnstadt erreicht. Aber noch nicht das Lokmuseum. Man weiß nur, es müsste sich in der nähe des Bahnhofs befinden. Nur: wo ist der Bahnhof? Männer fragen nur widerwillig nach dem Weg, sie finden jede Strecke selbst, auch wenn es Stunden dauern sollte. Das ärgert W., der aggressiv Fahrer und Beifahrer nervt, sich bei leichtbekleideten Damen nach dem Bahnhof zu erkundigen. Er hat es leicht. Sein Fenster lässt sich nicht öffnen, also braucht er auch nicht zu fragen.

Fußgänger haben wirklich Probleme, den Weg zu erklären. Besonders in der ehemaligen DDR. Oder liegt es am unnachahmlichen Thüringer Dialekt (dem sächsischen sehr ähnlich), dass wir nach dreimaligem Fragen an drei völlig entgegengesetzt liegenden Orten des Kreisstädtchens landen? Auf dem ansonsten menschenleeren Lidl-Parkplatz treffen wir auf Lokbauer BK, der mit Gattin, Wohnmobil und Cesar-Hund seinem hochmodernen Funknavigationssystem gefolgt ist.

Dito, halb zwei am Nachmittag:
Lidl in Arnstadt liegt ebenso wie der obligatorische Getränkemarkt in erstklassiger Hinterhoflage. Der Laden schließt um zwei. Trotzdem sind wir die einzigen Kunden. Hierzulande undenkbar. Lidl schließ hier um 20 Uhr und noch fünf Minuten vorher strömen ganz Kundenmassen zum verzweifelten Verkaufspersonal. Was ich am Morgen noch für einen Zufall hielt: der Konsumrausch im Osten ist 14 Jahre nach dem Mauerfall offensichtlich gänzlich verflogen. Alles ist hübsch hier, pittoreske Häuser aus der Gründerzeit, gepflegte Blumenrabatte, frisch geteerte Straßen, Mc Donalds neben Kreissparkasse. Nur ab und zu erinnert eine unauslöschbare, da eingemeißelte Inschrift an die Vergangenheit. Trotzdem, das wirkliche Leben findet woanders statt.

Bunte Ansicht
Gruppenbild mir Journalist

Dito, eine halbe Stunde später:
Das Museum ist gefunden, wir werden tatsächlich irgendwie erwartet. Die Menschen hier haben einen zwar gewöhnungsbedürftigen, trotzdem herzlichen Charme. Und hilfsbereit sind sie auch. Vier Lokomotiven zieht man eigens für uns aus dem Lokschuppen auf die Drehscheibe, damit sie im Sonnenlicht fotografiert werden können. Zwecks zukünftigem virtuellen Nachbau. Während die „Selbsthilfegruppe verhinderter Lokführer“ in hektische Aktivitäten ausbricht, genieße ich stressfrei das Schauspiel von einer Bank aus. Beeindruckend, wirklich.

Bunte Ansicht
Heiße Stimmung im Bahnbetriebswerk

Die Würste schmecken gut und sind ebenso wie die Getränke unverschämt billig. Wenngleich das hiesige Kreisveterinäramt die Grillstätte wg. Verstoßes gegen mindestens ein Dutzend Vorschriften unverzögerlich schließen würde. So ändern sich die Zeiten und gegen unsinnige staatliche Reglements scheinen die Bürger Thüringen sehr allergisch zu sein. Das zeigt sich auch beim Autofahren, wo die geltende Straßenverkehrsordnung bestenfalls als lockere Richtlinie angesehen wird.

Dito, achtzehn Uhr dreißig:
Wir sind zurückgekehrt. Irgendwie haben allerdings meine Berliner Transporteure völlig vergessen, dass mein Auto beim Lokomotivwerk steht und sind ohne weitere Rückfragen direkt zum Hotel gefahren. Bei so viel sozialer Kompetenz fehlen mir die Wort und, wie schon gesagt, Bewegung tut gut...

Dito, zwanzig Uhr:
Trotz aller Widrigkeiten lasse ich mir den gemütlichen Abendevent mit „großzügigem Büffet“ natürlich nicht entgehen. Wenn schon leiden, dann aber richtig. Das Büffet stellt sich als nur bedingt einfallsreiche Ansammlung von Salaten, Aufschnitt und Aldi-Käse heraus. Die Brötchen schmecken gut, die Salate auch. Als Nachtisch gibt es Bananen und Ananas. Die Traumata der DDR-Vergangenheit scheinen immer noch zu wirken...

Bunte Ansicht
Alles freut sich schon auf die große Party später am Abend

Gedrückte Stimmung in der Runde. Webmaster S. und Organisator T. scheinen sich unversöhnlich zerstritten zu haben. Freundlicherweise trägt Streckenbauer W. mit wohl gesetzten Worten dazu bei, dass sich die Situation noch verschärft. Es scheint, dass T. versucht hat, seinen Kummer mittels diverser illegaler Drogen in Rauch aufzulösen.

Chaotisch wie gewohnt, beginnen die diversen Vorträge mittels Computer und Videobeamer. Einige ganz spannend, doch die Mehrheit pendelt zwischen langweilig und esoterisch. Merkwürdige Konstruktionspläne erscheinen auf der Leinwand, aus Quadraten und Kringeln werden plötzlich kreisförmige Berge in der Dimension eines Mount Everest. Darüber fahren dann die Züge. Höhepunkt schließlich der Diavortrag über eine Interrail-Reise der beiden jüngsten Teilnehmer. N. aus der Schweiz und H. aus dem hohen Norden waren vier Wochen unterwegs durch Europa und haben Lokomotiven fotografiert. Insgesamt 1570 Stück. Wir hätten sie alle gesehen, hätte es nicht den Protest eines mutigen Teilnehmers gegeben. So wurden uns nach knapp zwei Stunden und zwei Dritteln der Reise auch weitere Anekdoten aus dem Reisetagebuch erspart. Gerade als ein weiteres Kreisdiagramm auf der Leinwand erscheint, kann ich flüchten und bin gegen Mitternacht auf „Wolke 7“.

Sonntag, 21. September, kurz nach neun Uhr morgens:
Koffer gepackt, ins Auto verstaut und mit der Hoffnung den Frühstücksraum betreten, dass die restlichen hier einquartierten Zugsimulatorfans bereits das Land verlassen haben. Doch alles Bangen war vergebens, sie saßen zu dritt an einem Tisch. Zwei davon eher müde und abgekämpft vom „Meiniger Bräu“ des Vorabends, einer jedoch putzmunter: Ostbeamter RZ, der, sehr zum Leidwesen aller, lustige Geschichten darüber erzählte, wie dank seiner Hilfe ein ausrangierter Speisewagen nun das Gelände seiner Polizeischule schmückt. Die zahlreichen Details von Loklaufplänen, Reichsbahnarchivmitarbeitern, Bürgermeistern und Abkürzungen wie DBgmÜ, AvZblmAg seinen hier nicht einzeln aufgezählt.

Dito, zehn Uhr fünfzehn:
Rückreise, nun problemlos und ohne unfreiwilligen Ausflug durch die hessische Wetterau. Kein Stau bei Frankfurt. Doch das Schicksal schlägt bei Kaiserslautern zu: die Autobahn nach Saarbrücken ist wegen Brückenbauarbeiten voll gesperrt. Der Verkehr wird komplett durch die Innenstadt von K’Town umgeleitet. Den Verkehrsansturm hat man dort natürlich erwartet und schnell noch ein paar Straßensperrungen und Baustellen eingerichtet. Nach einer Dreiviertelstunde Stau gelingt mir die Verfolgung eines offensichtlich ortskundigen Pkws über Schleichwege. Ich bin das letzte Auto, das Kaiserslautern verlassen kann...

Dito, fünfzehn Uhr dreißig:
Nach mehr als fünf Stunden Fahrt kurz die heimatlich Erde geküsst und beschlossen, Züge nur noch in virtueller Gesellschaft zu genießen...

22.6.05 10:31


Journalist F. ist müde

Ein müder Tag heute. Letzte Nacht kaum geschlafen, Hitze, Gewitter und dann der Ärger mit den Männern. Selbige können einem armen Journalisten wirklich den letzten Nerv rauben. Besonders, da er als neugieriger Zeilenschreiber eine magische Anziehungskraft auf, sagen wir einmal, recht sperrige Typen hat. "Sag ich doch schon die ganze Zeit, lass die Finger von den Typen!" mault Mausibärchen und trägt dadurch nicht gerade zur gehobenen Stimmung bei. "Oder suche dir den Richtigen! Keinen, der glaubt, heterosexuell zu sein, keinen, der 200 Kilometer entfernt wohnt und keinen, der etliche Jahre jünger ist. Das kann einfach nicht gut gehen. Manchmal glaube ich, du willst im Grunde deines Herzens überhaupt keinen." Mausibärchen trifft den Nagel auf den Kopf. Ein so herrlich freies Leben führen, frei nach Lust und Laune alle journalistischen Termine annehmen, Chatten und Bloggen, wann immer ich will. Das ist ein Luxus, den sich die meisten verpaarten Menschen einfach niemals leisten können.

Wie auch immer, die Sache ist sehr zweischneidig. Vielleicht liegt es auch an der merkwürdigen Auswahl, die Mausibärchen so treffend zu schildern wusste. Enttäuschungen sind da eben vorprogrammiert, einfach unvermeidlich. Aber eigentlich wollte ich das gar nicht erzählen. Oder doch? Auf jeden Fall ein müder Tag. Im Büro läutet ständig das Telefon, schließlich ist Montag und am Wochenende hatte die Leute viel Zeit, sich Attentate auf Kulturorganisatoren auszudenken. Mittwoch werde ich die Seiten wechseln und selbst Interviewopfer eines Journalisten werden. Die Fragen sollen sich auf meinen Hauptberuf beziehen und natürlich werde ich die glorreichen Stunden in einem Leben für die Kultur schildern. Ob es mir wegen unglücklicher Männergeschichten gerade mal nicht so gut geht, ob mir der Stress derart zusetzt, dass ich denke, es ist nicht mehr zu schaffen, wen interessiert es wirklich?

Ich merke, wenn man müde ist und der kurze Sommer zudem wohl endgültig seinen Abschied eingereicht hat, neigt selbst der beste Journalist zu einem gewissen Maß an Pessimismus. Aber der stete Strom des Lebens spült einen weiter, unaufhaltsam den nächsten Journalistenabenteuern entgegen.
31.5.05 01:32


Journalist F. geht zum Friseur

Ab und an lässt es sich nicht vermeiden, auch Journalist F. muss sich in die Niederungen der Alltagswelt hinab begeben. Beispielsweise, indem er zum Friseur geht. Den Salon seiner Wahl gibt es seit ungefähr einem Jahr und ungefähr so lange ist Journalist F. auch Kunde dort. "Ein Jahr lang beim selben Friseursalon?" – ein Schrei des Entsetzens wird allen weiblichen Lesern des Journalistenblogs entfahren. Denn Frauen neigen ganz instinktiv dazu, alle drei bis sechs Monaten den Coiffeur zu wechseln. Warum das so ist? Eine von mir postulierte Theorie besagt, dass sie den Beruf des Haarkünstlers mit dem des Schönheitschirurgen verwechseln. Und wenn man es der eine nicht schafft, ihr Äußeres grundlegend so zu verändern, dass genau das gewünschte, ebenso wunderbare wie schon immer angestrebte Ergebnis herauskommt, dann muss es doch ein anderer können! Das Prinzip Hoffnung verhindert letztendlich den Untergang der Menschheit.

Wie auch immer, die von Journalist F. auserkorene und bestens bewertete Haarkünstlerin heißt E., stammt ursprünglich aus dem tiefsten Sibirien und wohnt jetzt in der ehemaligen Hüttenstadt N. Eigentlich wollte sie im Sommer ihre Heimat besuchen. Aber der Weg dorthin ist weit und umständlich. Erst nach St. Petersburg per Flugzeug, dann 16 Stunden auf den Anschlussflieger warten, wieder zwei Stunden in der Luft und letztendlich vier Stunden per Bahn zum Ziel. Was ist daran so abschreckend, dass Friseurin E. die Reise scheut? wird mancher weltgewandte Leser des Journalistenblogs denken. Doch Russland ist gefährlich und schnell wird man sein Geld an marodierende Gangsterbanden los, sobald man das Flugzeug verlassen hat. Dabei würde sich eine Reise lohnen. Denn in Friseurin E.s Geburtsstadt gibt es eine Prinzessin, die mehr als 2000 Jahre auf dem Buckel hat und trotzdem so aussieht, als sei sie in der Blüte ihres Lebens. Das Geheimnis heißt Permafrost, bei uns eher unter Tiefkühlung bekannt. Im ewigen Eis Sibiriens hat man die prachtvoll mit Pferden und Schmuck bestattete Herrschertochter gefunden, erstklassig erhalten. Bemerkenswert.

Bemerkenswert auch ein anderes Erlebnis, das Journalist F. zum Nachdenken bewogen hat. Über seinen doch zutiefst langweiligen und konservativen Kleidungsstil. Zukünftig wird er sich wohl eher am Beispiel des Chefcoiffeurs halten. Stockmetrosexuell, unverkennbar. Und mit pinkfarbenem Shirt auf Bundeswehrtarnhose gewandet. Da verschlägt es selbst dem abgebrühtesten Journalisten die Sprache.
28.5.05 19:25


Journalist F.'s managt die allgemeine Dauerkrise

Es gibt schon merkwürdige Dinge. Beispielsweise die Sache mit den Feiertagen. Es heißt ja, den Deutschen gehe es schlecht. Sie leiden unter akuten Finanzproblemen, nagen am Hungertuch, müssen sich einschränken. Da stellt man sich vor, es gibt als Mahlzeit nur noch Aldis Feuerzauber Mexiko (oder wie die Dosensuppe aus armen Studentenzeiten heute so heißen mag), Tiefkühlpizza und Löwenzahn, der am Wegesrand gesammelt wurde. So weit so gut, wir leben in der Krise. Schrecklich.

Allerdings frage ich mich, warum zwei Dinge passieren, wenn ein Feiertag vor der Türe steht. Zum einem herrscht in den Läden vorher ein Gedränge, als wäre nicht nur ein oder zwei Tage geschlossen, sondern mindestens drei Monate. Und: kein Mensch ist mehr zu Hause, alle fahren oder fliegen, wenn irgend möglich, in Kurzurlaub. Gerade die so genannten Brückentage zwischen Wochenende und Feiertag oder vice versa bieten sich dazu an. Nun gut, vielleicht kann man sich so etwas als passionierter Schnäppchenjäger leisten. Das, was man beim Geiz-ist-geil-Krämer gespart hat, wird im Last-minute-Urlaub in der Türkei ausgegeben. Eine Woche pro Person ab 200 Euro. Inklusive Flug. Da stellt sich doch die Frage: wie machen die das? Da ist doch der Sprit für den Flieger teurer. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Da ist dann auch noch generell die Sache mit der Krise. Seit ich bewusst die wirtschaftliche Entwicklung unserer ehemals geteilten und dann irgendwann wiedervereinigten Republik verfolge - also seit ca. 25 Jahren, herrscht Dauerkrise. Katastrophale Lage am Arbeitsmarkt, die Wirtschaft krankt, es geht bergab. Verwundert bin ich immer dann, wenn die gerade aktuelle Krise mit den goldenen Zeiten verglichen wird, die vor ein paar Jahren geherrscht haben sollen. Riesiges Wirtschaftswachstum, blühende Unternehmen und so weiter. Täuscht mich meine Erinnerung? Damals war nie die Rede davon.

Warten wir also ab, wenn in drei Jahren das Jahr 2005 als goldene Periode des Wirtschaftswachstums gepriesen wird.

Ich glaube immer mehr, die Deutschen sind ein Volk von Pessimisten, Lamentierern und Nörgler. Sollte man da nicht etwas dagegen tun? Für den Anfang ein Tipp an die verehrten Leserinnen und Leser des Journalistenblogs: wenn Sie sich das nächste Mal beim Jammern und Lamentieren erwischen: Klappe halten, Gehirn einschalten und die Situation einmal kritisch überdenken. Schon steigt die Laune, garantiert!
7.5.05 19:24


Journalist F. entdeckt alte und aktuelle Bestseller neu



Es ist nicht zu leugnen, der Arbeitsalltag hat mich wieder. Nicht der journalistische, denn der ist allgegenwärtig, sondern der kulturorganisatorische. Acht Stunden am Tag Minimum im Büro. Dort durchaus interessante Dinge machen, aber trotzdem die Frage: wo bleibt die Zeit? Und warum ist sie stets so knapp? Warum wird sie trotz Zeitmanagementstrategien immer weniger, obwohl sie doch eigentlich mehr werden müsste, wenn man den schlauen Büchern glaubt? Wahrscheinlich mache ich etwas falsch!



Ich mache etwas falsch! – ein Gedanke, der zum zentralen Faktor unseres modernen Lebens wird. Oberstes Gesetz der Erziehung seit Kindheitstagen: du musst alles richtig machen. Kein Wunder, dass man sich anstrengt. Und grausam scheitert. Ständig, jeden Tag, jede Stunde. Und damit wird man zum fehlerhaften Rädchen im Getriebe der Welt. Dabei sind die Regeln so einfach: Iss viel Obst und Gemüse. Reduziere deinen Fleischkonsum auf ein Minimum. Trinke viel, überwiegend Wasser. Keinen Kaffee oder Alkohol. Bewege dich viel. Schon drei Stunden Jogging am Tag reichen, um gesund zu bleiben. Rauche nicht! Keine Süßigkeiten, lieber eine Gurkenscheibe statt Schokolade. Iss so wenig Fett wie möglich. Tu was für Dein Aussehen, Brad Pit macht es vor, der schafft es auch, also kannst du es auch! Mache keine Fehler auf der Arbeit. Bilde dich weiter, lebenslanges Lernen ist in. Schlafe mindestens sieben Stunden. Lebe in einer harmonischen Partnerschaft, das verlängert dein Leben. Zeuge Kinder, denn nur dann wirst du deiner Verantwortung der Gesellschaft gegenüber gerecht. Sei sparsam mit deinem Geld. Lege ein Vermögen an. Erwerbe ein Haus.



Kurz und gut: ein anstrengendes Pensum an Aufgaben, das der Mensch so Tag für Tag bewältigen muss. Wer es nicht schafft, für den bietet der Buchhandel Tausende Ratgeberbände an. "Schlank in drei Tagen – und für immer bleiben", "Gesund bleiben – bis zum Tod (ganz egal, wann der eintreten sollte)", "Zeitmanagement ganz leicht gemacht!", "Bringe Ordnung in dein Leben und zwar sofort!", "Der perfekte Liebhaber – vom G-Punkt bis zur Schwangerschaft, mache deine Partnerin glücklich", man braucht nur zuzugreifen und schon weiß man, wie leicht es geht. Merkwürdig nur, dass in allen Büchern das Gleiche steht, nur in leicht veränderter Form. Grundregel, egal, um was es geht: Esse viel Obst und noch mehr Gemüse. Vermeide Fett. Wenig Fleisch. Trinke zwei Liter Wasser am Tag. Rauche nicht, Alkohol nur in Maßen. Bewege dich viel! Treibe Sport!" Die Befolgung dieser einfachen Ratschläge hilft, alle körperlichen und seelischen Probleme zu beheben, von Menopause bis Magendruck, von Depression bis Diabetes, von Partnerzoff bis Pickelplage.



Merkwürdig nur, dass man selten von anderen Dingen liest, die man tun könnte. Sei tolerant, akzeptiere deine Mitmenschen und versuche, sie zu verstehen. Drücke auch mal ein Auge zu, wenn dir etwas nicht passt. Rege dich nicht wegen jeder Kleinigkeit auf. Sei hilfsbereit, ohne auf direkte Gegenleistung zu warten. Du bist nicht der Mittelpunkt der Welt. Es sind nicht immer die anderen an allem Schuld. Gehe auf den anderen zu, auch wenn der vermeintlich Fehler gemacht hat. Kein Ratgeber wird diese Themen behandeln. Denn sie sind viel zu preiswert, verführen nicht zum Konsum und machen Menschen höchstens unbequem, lassen sie nicht mehr perfekt funktionieren.



Noch merkwürdiger, dass all die oben genannten Ratschläge in einem der ältesten Bücher verzeichnet sind, die wir kennen. In der Bibel, genauer gesagt, im Neuen Testament. Man mag zu Religion und Kirche stehen, wie man will. Man mag gläubig sein oder nicht. Götter und Göttinnen gleich welchen Namens verehren oder überzeugter Atheist sein. Die Lektüre einiger Kapitel dieses Buches der Bücher lohnt und erspart ein beachtliches Sümmchen für die Aufstockung der Psychobibliothek.



Ergänzend als Lektüre empfohlen: Sir Peter Ustinovs "Achtung Vorurteile!". Gibt's als Taschenbuch für 8 Euro neunzig. Eine Investition, die sich lohnt!



Bunte Ansicht

Journalist F. empfiehlt: Sir Peter Ustinov: Achtung! Vorurteile – Rowohlt Taschenbuch, 8.90 Euro

5.5.05 10:05


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