Die geheimen Tagebücher des Journalisten F.
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Patient F. entdeckt Hartz-vier-TV

Dienstags, Donnerstags und Samstags heißt es für Patient F. die Reise zur Dialyse anzutreten. Von 13.45 Uhr bis kurz nach Sechs dauert die Prozedur, die zunächst einmal gründlich vorbereitet werden muss. Doch dann hat man vier Stunden lang mehr oder weniger seine Ruhe. Abgesehen von regelmäßigen Blutdruckmessungen, dem Klingeln des Stationstelefon, laut lachenden Krankenschwestern, stöhnenden Mitpatienten und ab und an einem herabfallenden Geschirrtablett irgendwo in den Tiefen der Station. Kurz und gut, die ideale Lösung, nämlich die Zeit einfach zu verschlafen, scheidet für Patient F. aus. Warum das die anderen Mitpatienten so gut können, wird dem geduldigen Patienten allerdings immer ein Rätsel bleiben.

Was also tun in den langen Stunden der erzwungenen Untätigkeit? Lesen natürlich, doch das sollte man nicht allzu oft tun, da man sonst als intellektueller Spinner gilt und das Pflegepersonal beunruhigt. Abgesehen davon ist das auch anstrengend. Doch zum Glück gibt es einen Fernsehapparat, der mithilfe einer käuflich erworbenen Gebührenkarte gestartet werden kann. Auch hier ist das Glück natürlich unvollkommen, denn es sind keine der tollen Sender zu empfangen, für deren Werbefreiheit Journalist F. monatlich ein nicht gerade kleines Salär ausgibt. Vielmehr gibt es so genanntes „Free TV“ und das hat in den Nachmittagsstunden nicht gerade Premiumprogramm zu bieten.

So zappte sich Patient F. in den Anfangstagen durch die öde Senderlandschaft, bis er ganz allmählich seine Lieblingssendung entdeckte: Hartz-vier-TV auf einem Sender, der ursprünglich im Nachbarländchen L. angesiedelt war und noch heute dessen Namen trägt. Von 15 Uhr an verspricht man dort, das wirkliche Leben zu präsentieren. Und das ist in der Tat prall und voller Überraschungen.

Da der Mensch – und besonders der regelmäßige Konsument des besagten Senders – ein Gewohnheitstier ist, folgt die so genannte Doku-Soap natürlich gewissen Regeln. Regel Nummer eins: es geht um Menschen aus den neuen Bundesländern, die ihre Herkunft aufgrund sprachlicher Eigenheiten nicht verleugnen können. Regel zwei: diese Menschen müssen langzeitarbeitslos und somit Empfänger der Segnungen von Hartz-IV sein. Der Rest ergibt sich dann beinahe von selbst. Denn die so ausgewählten Fernsehopfer sind zwar weniger mit Intelligenz oder Bildung, dafür aber mit gnadenlosem Selbstbewusstsein ausgestattet, das sie mit exibitionistischer Freude einer staunenden Zuschauerschar präsentieren. Ganz gleich, ob der Ehemann hinter schwedischen Gardinen sitzt, kaum weiß, wo seine elf bislang gezeugten Kinder sich aufhalten und zudem auch noch ein Verhältnis mit der Schwester seiner Gattin hat – aus dem zwei Kleinkinder erwachsen sind – stolz präsentieren sich die Protagonisten des sozialen Abstiegs vor der Kamera.

Welch sozialen Hintergrund die Helden des Nachmittags haben, wird meist schnell offenbart, wobei sich eine gewisse Dramaturgie der Steigerung feststellen lässt. Spätestens, wenn im Plattenbau der Badewannenabfluss seit Monaten verstopft ist und man daher das Wasser nach der Benutzung mit Hilfe eines Eimerchens in die Toilette gießen muss, staunt der allzu bürgerlich erzogene Zuschauer vor dem Bildschirm. Wer würde hier nicht gerne durch den Fernseher rufen: „Lasst doch das Teil reparieren!“ Doch das ist sinnlos, da die interaktiven Möglichkeiten im TV noch sehr begrenzt sind. Die lesbische Tochter des Hauses, die zu Gewalttaten neigt und deren Sprachschatz aus nur wenigen Worten wie „Äii, isch hau dir in die Fresse!“ besteht, scheitert, wen wundert’s, am Zehnereinmaleins. Einziger Kommentar: „Aii, Scheiße, det kapier isch net! Verpiss disch, du Assitussi!“.

Das wirklich Spaßige an der neuen Lieblingssendung von Patient F. ist allerdings die durchaus zynische Präsentation der Kommentatoren. Offen gesagt, eigentlich kann man ihnen offiziell nichts vorwerfen, denn die Bemerkungen sind stets verständnisheischend und politisch korrekt. So wird das Chaos zur Normalität gemacht und die Stars des Nachmittags zu Witzfiguren der Nation. Nur scheint es, diese bemerken das gar nicht, sondern sind stolz, dass sich endlich mal jemand für die wirklichen Probleme im Leben interessiert. Wer glaubt, Journalist F. übertreibe, der lasse sich einfach mal einen Nachmittag vom ältesten deutschen Privatsender begeistern. Doch vorsicht: Suchtfaktor ist garantiert.
20.4.09 02:34
 


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