Journalist F. trifft Renate Manchmal sind Veranstaltungen nicht wegen des Bühnenprogramms spannend, sondern wegen des illustren Publikums, das man da so trifft. Beispielsweise Renate. Noch während Journalist F. im sommerlichen Rosengarten beim musikalischen Picknick vor sich hin döste, sah er aus den Augenwinkeln plötzlich das Unheil in Form einer korpulenten, ältlichen Dame mit quietschegrünem Plastikkorb auf sich zusteuern. Mit den Worten „Ahhhhhh, hier ist Sonne!“ breitete sie sich auch ebenso flugs wie lautstark zwei Plätze neben dem fleißigen Zeitungsschreiber aus. Das wird jetzt ein Problem, ahnte Journalist F. und er sollte Recht behalten.
Sängerin L. gab ihr Bestes. Renate wollte es hautnah erleben, doch es kamen immer wieder unvermeidliche Schicksalsschläge dazwischen. Denn nur wenige Sekunden, nachdem die zu diesem Zeitpunkt noch namenlose Dame umständlich Platz genommen hatte, sprang sie erstaunlich behände von ihrem Stuhl, um „Huhu!, hier bin ich!“ zu brüllen und gleichzeitig gefährlich mit den Armen zu schwenken. „Ich bin hier in die Sonne gegangen!“ erklärte sie einer Gruppe höchst skurriler Menschen, die hinter der Freilichtbühne vorbei schlenderten. „Hallo, Renate!“ tönte es von dort zurück und somit hatte das Grauen einen Namen bekommen. „Komm doch hierher zu uns!“ lockten die Freunde, doch Renates Argumenten konnte keiner widersprechen: „Aber ich will das hier doch hautnah erleben!“
Das Publikum hörte aufmerksam zu. Außer Renate und ihrem Fanklub. Vehement musste sich Renate jetzt an Journalist F. vorbeidrängen, um die lieben Bekannten auch persönlich zu begrüßen. „Wir haben seit einer Stunde im Schatten gesessen!“ erklärte sie, während sie an den Rand der Sitzreihen zusteuerte. „Ich habe mich schon ganz eingemummelt!“ „Ja, es ist wirklich kalt hier!“ kam die Antwort „Das nächste Mal nehmen wir unsere Daunenjacken mit!“ In diesem Moment unterbrach Sängerin L. ihr Programm, um Pause zu machen und Journalist F. hatte endlich Gelegenheit, die Gruppe von Renates Freunden näher zu begutachten. Zwei Frauen und ein dünnes, altes Männchen standen da. Alle mit großen Strohhüten, wohl Souvenirs aus dem letzten Mallorca-Urlaub und eher schriller Freizeitkleidung. Mittendrin zwei pudelähnliche Hundewesen, die den Beweis erbrachten, dass Frauchen und Herrchen im Laufe der Zeit immer mehr ihren Vierbeinern gleichen.
Die illustre Picknickgruppe rund um Renate, die unschwer am grünen Plastikkorb zu erkennen ist. Journalist F. nutzte die Pause, sich ein ruhiges Plätzchen inmitten von Holunderbüschen und Rosenbeeten zu suchen. Doch irgendwann setzen Sängerin L. und ihre Musiker wieder zum fröhlichen Spiel an und die Rückkehr zur Bühne war unvermeidlich. Dort hatte Renate neue Bekannte entdeckt und wirkte höchst verärgert, dass sie jetzt wieder zurück zum hautnahen Musikerlebnis sollte. Die Lösung war einfach, man setzte sich einfach auf die nahen Stühle und plauderte trotz des musikalischen Vortrags ebenso munter wie laut weiter. Mittlerweile hatte sich auch der Gatte von Renate hinzugesellt. Während die Gruppe laut und vornehm lachte, kommentierte er mit Worten wie „Da muss ich noch ein Glas Champagner trinken!“. Tatsächlich, der Schaumwein floss in Strömen. Nur eine Frage blieb an diesem Nachmittag offen: warum trugen weder Renate noch ihr Gatte einen Sonnenhut?